Ame Agaru
Einer der international bekanntesten japanischen Regisseure, Akira Kurosawa, konnte sein Projekt Ame Agaru (After The Rain) nicht mehr selbst fertig stellen. Der Altmeister des japanischen Kinos starb 1998. Nach seinem Tode übernahm Koizumi Takashi die weitere Arbeit an diesem Jidaigeki (Chambara) und stellte 1999 Ame Agaru der Öffentlichkeit vor. Es wäre daher nicht ganz korrekt, Ame Agaruals ein Werk Kurosawas hinzustellen, obzwar er noch am Script daran gearbeitet hat. So mag ein Vergleich mit den anderen Werken Kurosawas nicht unbedingt angebracht sein. Um eines vorwegzunehmen: Dieser Film besitzt eine wunderbar herzerfrischende, ruhige, friedvolle Atmosphäre. Ein kleines Juwel.
Einem herrenlosen Samurai namens Ihei (Akira Terao) und seiner Frau Tajo (Yoshiko Miyazaki) bleibt wegen unablässig fallenden Regens die Passage über einen Fluss versperrt. Zuflucht finden die zwei Reisenden in der nahegelegenen Matsube- Herberge. Dort haben sich mittlerweile schon mehrere Reisende, denen das gleiche Los beschieden ist, eingefunden. Allen gemeinsam ist ihre Abstammung aus ärmeren Bevölkerungsschichten. Man sieht ihren derben, wettergegerbten Gesichtern an, dass sie ihr tägliches Einkommen schwer erarbeiten müssen. Jeder verlorene Tag bedeutet ein Tag ohne Einkommen. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich eine bedrückende, aggressive Stimmung unter allen Anwesenden ausbreitet. Wie ein Licht das Dunkel zu erhellen vermag, scheint Ihei mit seinem selbstlosen Handeln die Herzen der Anwesenden zu erobern. Ihei verschwindet aus der Herberge, um kurze Zeit später mit Essen für alle in der Herberge Versammelten wieder aus dem Regen aufzutauchen. Sein Lächeln und seine Freundlichkeit scheinen direkt aus dem Herzen zu kommen, und so verwundert es nicht, dass sich langsam Fröhlichkeit und gute Laune unter dem Volk ausbreiten. Seiner Frau Tajo gegenüber entschuldigt er sich dafür, dass er wieder an einem Wettkampf teilgenommen habe, um etwas Geld zu verdienen und um Essen zu besorgen. Als Tajo seine Worte vernimmt, gleitet ein Lächeln über ihr Gesicht. Ein aufrichtiges Lächeln, das verzaubert und von ihrem Glück in ihrem Herzen andeutet. Anderntags verlässt Ihei die Herberge um sich etwas die Füße zu vertreten, geht in den regennassen Wald und übt einige Sequenzen mit seinem Schwert.
Regisseur Koizumi Takashi versteht es, stimmungsvolle Bilder zu erzeugen und damit umzugehen. Die Farben sind in einem dezenten, dunklen Ton gehalten, keine grelle Farbgebung durchschneidet die Ruhe, die die Bilder ausstrahlen. Auch in den wenigen Einstellungen, in denen die Sonne zum Vorschein kommt, sind warme Farben vertreten. So erscheinen das satte Grün der Bäume, das Schattenspiel der Natur im Licht der Sonne, oder das Plätschern des Wasserfalles als eine Wohltat für die Sinne. Schnelle Schnittfolgen, die dem Film Tempo geben könnten, sind in Ame Agaru nicht vertreten.
Als Ihei später unter einer Gruppe Samurai deren Streit schlichtet, wird Lord Shigeaki (Shiro Mifune) auf Ihei aufmerksam, der ihn bei seinen Schlichtungsversuchen die ganze Zeit beobachtet hat. Beeindruckt durch sein Auftreten, lädt Shigeaki Ihei zu sich auf seine Festung ein. Lord Shigeaki stellt sich als ein wissbegieriger, aufgeschlossener, immer nach Antworten suchender Zeitgeist heraus. Seine Berater bezeichnet er als Starrköpfe, Dickschädel, seine Bediensteten versieht er mit Spitznamen. Lord Shigeaki trägt seit einiger Zeit den Gedanken, einen neuen Fencing- Instruktor einzustellen. Beflügelt durch Ihei`s Erzählungen aus seinem bisherigen Leben, bietet er Ihei diese Stelle an. Als Ihei bei einer Demonstration sein Können unter Beweis stellen muss, tritt auch Shigeaki gegen Ihei an. Shigeaki in seiner herausfordernder und aggressiver Angriffsweise unterliegt Ihei, der die Ruhe selbst zu sein scheint. Vielmals um Entschuldigung bittend, aber auch wissend, dass er damit Shigeaki nur noch zorniger macht, kehrt Ihei in die Herberge zurück.
Shigeaki, wiederum im Gespräch mit seiner Frau, erkennt, dass Hochmut und Aufrichtigkeit zwei Wege im Leben sind. So lässt Shigeaki nach Ihei schicken. Im folgenden Dialog zwischen Ihei, Tajo, Gon und einem “Dickschädel“ aus Shigeakis Beraterstabes erklärt sich der Kernpunkt von Ame Agaru. Shigeaki`s Gesandte kehren ohne Ihei in die Festung zurück. Nach deren Berichterstattung platzt Shigeaki der Kragen ob solcher Borniertheit seiner Untergebenen und begibt sich nun persönlich auf den Weg, um Ihei und Tajo zu finden...
Mittlerweile hat sich das Wetter gebessert, der Regen hat aufgehört, unablässig auf das Land zu fallen. Die Sonne bricht hervor und mit ihr das Leben, das scheinbar eine Pause eingelegt zu haben schien. Ihei und seine Frau Tajo begeben sich auch auf den Weg- der Sonne entgegen. Seite an Seite stehen Ihei und Tajo auf einer Anhöhe; den tiefen Frieden in ihren Herzen kann ich nur erahnen- ihre Blicke, die sich mit einem Lächeln kreuzen, gleiten hinaus über das Meer in die Ferne...
Koizumi Takashi`s Ame Agaru ist eine wunderbare Hommage an all die kleineren Dinge im alltäglichen Leben, die sich gerne aus den Augen verlieren, wenn der Kopf nur als Terminplaner funktioniert. Wenn sich Ame Agaru mit einem herzlichen Augenzwinkern als dezente Rückbesinnung auf das eigene Selbst präsentiert, und wenn dieser Film in meinem Herzen ein zaghaftes Leuchten etwas heller erscheinen lässt, so bleibt mir zum Schluss nur noch zu sagen: Es ist schön, dass es Filme wie Ame Agaru noch gibt.
Regisseur Koizumi Takashi hat im Jahre 2002 seinen zweiten Film fertiggestellt: Amidado Dayori (Letters From A Mountain). Kein Jidaigeki, aber ebenfalls ein ergreifender Film, der Parallelen zur Thematik von Ame Agaru aufweist.
Review: M. Lindenmeyer
15.06.2004
